Buddhistische Psychologie und Achtsamkeit bei süchtigem Verhalten

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegen unsere Freiheit und die Möglichkeit, unsere Antwort zu wählen.

In unserer Antwort liegt unser Wachstum und unsere Freiheit“ (Viktor Frankl)

Das medizinische Modell versteht Sucht als eine Krankheit, deren Ursachen in neurobiologischen Faktoren im Gehirn lokalisiert sind und die sich außerhalb der Einflussmöglichkeiten des Individuums befinden. Die Philosophie des Zwölf-Schritte-Programms verlangt das Eingeständnis der Ohnmacht des Einzelnen und die Akzeptanz der Vorstellung, dass nur Abstinenz und das Vertrauen auf eine äußere höhere Macht das lebenslang bestehende Problem lösen kann. Das verhaltenstherapeutische Modell setzt auf die Veränderung von Verhalten und Gedanken rund um das, wovon die Abhängigkeit besteht.

Die buddhistische Psychologie erkennt an, dass die Folgen der Sucht den Körper krank machen können, sieht aber ihre primären Wurzeln in der Funktionsweise des menschlichen Geistes. Sie beschäftigt sich damit, wie Gedanken, Erwartungen und Gefühle süchtiges Verhalten fördern oder aber es unwahrscheinlicher machen können. Das Verständnis von Sucht ist eingebettet in die buddhistische Sicht der Entstehung von menschlichem Leiden.

Die buddhistische Psychologie beschreibt in den Vier edlen Wahrheiten die Ursachen von Leid und den Weg zur Befreiung. Die erste edle Wahrheit besagt, dass Leben untrennbar mit Krankheit, Altern, Schmerz und Tod und somit mit Leiden verbunden ist. Süchtige Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu Substanzen und Verhalten „Zuflucht nehmen“, die das Leiden vordergründig und kurzfristig lindern, es langfristig aber vermehren (Groves & Farmer 1994, download).

Die Medizin spricht von Co-Morbiditäten, von gemeinsam auftretenden Krankheiten, wenn sie z.B. feststellt, dass bei 80 % der Menschen mit Alkoholabhängigkeit auch eine depressive Symptomatik besteht, unabhängig davon, was Ursache und was Folge ist. Bei anderen Menschen ist es die Angst, die durch süchtiges Verhalten bekämpft wird, bei wieder anderen sind es die Folgen von traumatisierenden Erfahrungen. Achtsamkeitspraxis kann dabei helfen, Emotionen besser zu regulieren bzw. sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen.

Auch wenn biologische Faktoren und bestimmte Lebenserfahrungen das Auftreten von süchtigem Verhalten wahrscheinlicher machen, ist doch die Suche nach Glück, die Sehnsucht nach angenehmen Zuständen und die Vermeidung von unangenehmen Gefühlen und Schmerz ein allgemein menschliches Charakteristikum.

„Sucht ist ein Unglücksfall, der Menschen auf ihrer Suche nach Glück passiert“ meint Stefan Klein, in seinem Buch „The Science of Happiness“ (2006).

Buddha sah vor über 2500 Jahren genau in dieser Suche nach Glück und dem Vermeiden von Unglück den selbst verursachten Anteil menschlichen Leidens. Als zweite edle Wahrheit formulierte er: „Was aber, Ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Leidensentstehung? Es ist jenes … von Lust und Gier begleitete … Begehren (craving) …“

Süchtige Menschen kennen dieses „Craving“, dieses Verlangen nach einer Droge oder bei anderen Süchten z.B. nach Essen, nach Spielen oder nach Sex. Oft ist ihr gesamtes Denken und Verhalten ausschließlich davon bestimmt und beherrscht, wieder in einen bestimmten Zustand zu kommen, und sei es auch nur für ganz kurze Zeit. Manchmal würden sie alles dafür geben, nicht selten sogar ihr Leben.

Die dritte edle Wahrheit lautet, dass der Weg zur Befreiung von Leiden über das Erlöschen dieses Begehrens führt. Die vierte edle Wahrheit beschreibt als konkreten Weg dorthin den achtfachen edlen Pfad, der auf Rechte Einsicht, rechtes Verhalten und Rechte Achtsamkeit abzielt.

Achtsamkeit wird somit zum Weg und zum Ziel, mit den leidvollen Aspekten des Lebens umzugehen und Möglichkeiten zu finden, sich nicht vom Begehren beherrschen zu lassen, langfristig Gleichmut zu entwickeln und unabhängig von äußeren Umständen und der Erfüllung des Begehrens glücklich sein zu können.

Der Psychologe Alan Marlatt entwickelte den wohl bekanntesten achtsamkeitsbasierten Ansatz zur Behandlung von süchtigem Verhalten: Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP). Er beschreibt, wie er als junger Wissenschafter unter dem Druck, publizieren zu müssen, einen Bluthochdruck entwickelte. Der Arzt empfahl ihm, seine Ernährungsgewohnheiten zu ändern, sich regelmäßig zu bewegen und sich zu entspannen. Nach dem Marlatt keine Vorerfahrungen mit Entspannungstechniken hatte, empfahl er ihm Transzendentale Meditation. Etwas befremdet verließ Marlatt den Einführungskurs, ohne die Meditationstechnik ausprobiert zu haben. Einer seiner Studenten fragte ihn daraufhin, warum er als Wissenschafter nicht empirisch vorgehen und es zumindest einmal ausprobieren wolle, bevor er die Technik ablehnt. Marlatt ging zum Zentrum zurück und machte die Erfahrung, dass er nach 10 Minuten des wiederholten Sprechens eines Mantras körperlich und geistig so entspannt war, wie er es bis dorthin noch nie erlebt hatte. Er entschloss sich zu regelmäßiger Praxis, der Blutdruck sank und der Arzt konnte die Medikamente absetzen. Dies war der Beginn der Auseinandersetzung mit der buddhistischen Psychologie, der Begegnung mit buddhistischen LehrerInnen und von intensiver meditativer Praxis.

Eine der von Marlatt entwickelten Techniken im Umgang mit dem Verlangen nach der Substanz oder dem Zustand ist das sog. „urge surfing“. Dabei werden die KlientInnen angeleitet, sich das Verlangen als eine Welle im Ozean vorzustellen, die ganz klein anfängt, die aber mit der Zeit immer größer wird. Während diese Welle des Verlangens an Stärke zunimmt, wird es zum Ziel der KlientInnen, auf dieser Welle zu surfen, in dem sie ihr erlauben, sich unter ihnen durch zu bewegen, ohne von ihr überrollt, überwältigt oder gar ausgelöscht zu werden.

Marlatt erklärt seinen KlientInnen, dass diese Wellen des Verlangens oft erlernte Reaktionen sind, die von bestimmten Reizen oder Situationen ausgelöst werden. So wie eine Welle nehmen erlernte Reaktionen an Intensität zu, bis sie einen Höhepunkt erreichen. Wenn man dem Verlangen auf diesem Höhepunkt nachgibt, verstärkt man nur das süchtige Verhalten. Jedes Mal, wenn man diesem Verlangen jedoch nicht nachgibt, schwächt sich der erlernte Automatismus ab. Auf der anderen Seite werden Selbstakzeptanz und das Gefühl von Selbstwirksamkeit verstärkt. So wie jede Fähigkeit braucht es Übung und Zeit, sie zu erlernen, bis man mit der Zeit mit immer höherer Standfestigkeit auf dem Surfbrett der Achtsamkeit balancieren kann (vgl. Marlatt 2002, S 47). [Übungsanleitung auf Englisch].

Wenn man beobachtet, wie dieses Verlangen an Intensität zunimmt, dann aber auch wieder abnimmt, gelangt man zu einer Erkenntnis, der in der buddhistischen Psychologie ein hoher Stellenwert eingeräumt wird: Alles im Leben ist einem stetigen Wandel unterworfen. Es steht nicht in unserer Macht, ihn aufzuhalten. Wie sie mit dieser Tatsache des menschlichen Lebens umgehen, bestimmt über Glück und Unglück der einzelnen Menschen (vgl. Marlatt 2002, S 48).

Nicht selten ist süchtiges Verhalten – ein allerdings nicht funktionaler – Versuch, diese Wandelhaftigkeit zu bewältigen. Die Droge verheißt einen lang anhaltenden angenehmen Zustand, sie verzerrt oder mindert die Wahrnehmung unangenehmer und schmerzvoller Erfahrungen.

Achtsamkeit verhilft dazu, diesen Wandel als Realität wahrzunehmen und anzuerkennen und sich negativer Bewertungen zu enthalten bzw. sich von ihnen distanzieren bzw. sich nicht von ihnen beherrschen lassen zu können.

In der buddhistischen Psychologie wird der sog. mittlere Weg beschrieben. Nachdem Siddharta Gautama in unbeschreiblichem Luxus und aller damals nur möglichen Fülle aufgewachsen war, wurde er, als er erstmals seinen Palast verließ, mit Armut, Krankheit, Alter und Tod konfrontiert. Als Reaktion darauf verließ er sein Luxusleben und wanderte jahrelang als asketischer Mönch durch Indien. Nachdem er unter einem Baum erleuchtet wurde, gab er das Leben der Askese auf und fand einen mittleren Weg zwischen den beiden extremen Polen (vgl. Marlatt 2002, S 47).

Menschen mit süchtigem Verhalten werden oft zwischen den Extremen hin und her geworfen. In gängigen Behandlungsansätzen werden sie vor die Alternative gestellt, in totaler Abstinenz zu leben oder der Sucht nachzugeben damit elend zu enden. Aus dieser Perspektive gibt es keinen Raum für einen mittleren Weg. Die Polarisierung zwischen Abstinenz als Erfolg und Rückfall als Versagen trägt nicht selten zum Teufelskreis bei, in dem sich Menschen zwischen Abstinenz mit dem Gefühl der Kontrolle oder dem süchtigen Verhalten mit dem Gefühl von Kontrollverlust gefangen fühlen. Die Unfähigkeit, totale Abstinenz zu bewahren, führt Menschen oft in das andere Extrem, eines unkontrollierten Rückfalls, speziell wenn sie sich selbst für ihr Versagen schuldig fühlen und schämen (vgl. Marlatt 2002, S 48).

Der Teufelskreis von Versagens-, Schuld- und Schamgefühlen und von Gefühlen der Wertlosigkeit wird durch eine Qualität unterbrochen, welche ebenfalls durch die Praxis von Achtsamkeit kultiviert wird. Mitgefühl und Selbstmitgefühl. Anstatt sich etwa nach einem Rückfall selbst zu verurteilen, kann man Verständnis und eine freundlich akzeptierende Haltung sich selbst gegenüber gewinnen. Anstatt negativen Rückschlüssen über die Zukunft zu glauben, kann man sie als Gedankenmuster erkennen, sich von ihnen distanzieren und ihnen die Macht nehmen, zu selbsterfüllenden Prophezeiungen zu werden. Achtsamkeitspraxis hilft, Gedanken als Gedanken zu erkennen, ohne ihnen glauben schenken und unmittelbar folgen zu müssen.

Nicht zuletzt eröffnet Achtsamkeitspraxis Türen in eine Dimension, die helfen kann, sich von süchtigem Verhalten zu verabschieden. In diesem Zusammenhang wird nicht selten aus einem Brief von C.G. Jung zitiert, in dem er schreibt „spiritus contra spiritum“. Sucht als Suche nach einer unerfüllten Sehnsucht nach Spiritualität – was auch immer das für den Einzelnen bedeutet. Langjährig Achtsamkeit praktizierende beschreiben Zustände von Verbundenheit, Fülle und Einheit bzw. von erstaunlich konstanter „heiterer Gelassenheit“.

Um den Kreis zum anfangs erwähnten medizinischen Modell zu schließen sei auf Untersuchungen hingewiesen, die zeigten, dass Struktur und Funktion des Gehirns durch Achtsamkeitspraxis verändert werden können.

… mehr: Studien zu Achtsamkeit und Sucht

 

Print Friendly, PDF & Email