Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP)

Die primären Ziele von MBRP sind:

  1. Bewusstheit über die individuellen Auslösereize (Trigger) und die durch sie ausgelösten gewohnheitsmäßigen Reaktionen, und das Erlernen von Wegen, innezuhalten und diesen scheinbar automatischen Prozess zu unterbrechen.
  2. Veränderung der Beziehung zu unangenehmen Erfahrungen und zu Unbehagen; lernen die Herausforderungen in emotionalen und körperlichen Erfahrungen zu erkennen und sie auf angemessene und zieldienliche Weise zu beantworten.
  3. Kultivieren einer nicht beurteilenden, mitfühlenden Haltung gegenüber sich selbst und seinen Erfahrungen.
  4. Gestalten eines Lebensstils, der sowohl Achtsamkeitspraxis als auch Erholung und Gesundheit fördert.

nach: MPRP Homepage

Das Programm läuft über acht Sitzungen (ähnlich wie MBSR und MBCT). Die inhaltlichen Schwerpunkte und Übungen sind:

  1. Sitzung: Autopilot und Rückfall (Übung: u.a. Bodyscan)
  2. Sitzung: Achtsame Wahrnehmung von Auslösern und Suchtmittelverlangen (Übung u.a. Wellenreiten d.h. urge surfing)
  3. Sitzung: Achtsamkeit im Alltag (Übungen u.a. achtsames hören, Atem-Achtsamkeit)
  4. Sitzung: Achtsamkeit im Rückfallrisikosituationen (Übungen u.a. Sitzmeditation, Gehmeditation)
  5. Sitzung: Akzeptanz und bewusstes Verhalten (Übungen u.a. Sitzmeditation mit achten auf Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle)
  6. Sitzung: Ein Gedanke ist ein Gedanke ist ein Gedanke
  7. Sitzung: Selbstfürsorge und ausgewogener Lebensstil Übung u.a. Loving-Kindness)
  8. Sitzung: Soziale Unterstützung und weiteres Üben (Übung u.a. Bodyscan)

Aus dem Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe: Als Grundlagenforscher hat Marlatt in einem 2010 in der renommierten Fachzeitschrift „Addiction“ veröffentlichten Artikel hierbei einen direkten Bezug zwischen dem aktuellen Stand der neurophysiologischen Rückfallforschung und zwei Elementen der Achtsamkeitsmeditation hergestellt (Brewer et al., 2010):

Aufmerksamkeitshinlenkung auf das unmittelbare Erleben im Hier und Jetzt. Alle neurophysiologischen Sucht- und Rückfallmodelle gehen von einer zunehmenden Automatisierung von Suchtverhalten auf bestimmte Auslösereize aus: Die Betroffenen greifen trotz besseren Wissens zu Alkohol, negative Wirkungen haben keine Auswirkungen mehr auf ihr Verhalten. Lerntheoretisch wurden diese Suchtmechanismen mit dem Konzept der klassisch konditionierten »cue reactivity« (Alkoholreagibilität) beschrieben, in der Neurobiologie wird dies als sog. »engrammiertes Verhalten« bezeichnet (vgl. Lindenmeyer, 2010). Mithilfe neuropsychologischer Messparadigmen konnte bei Alkoholabhängigen ein Wahrnehmungsbias, eine automatisierte Assoziationsneigung und eine automatisierte Annäherungstendenz auf Alkoholstimuli nachgewiesen werden, die mittlerweile unter dem Begriff der »implicit cognitions«, als den Betroffenen nicht notwendigerweise bewusste und damit auch nicht steuerbare Informationsverarbeitung zusammengefasst wurden (Wiers & Stacy, 2006). Marlatt und seine Mitarbeiterinnen sehen nun durch die gezielte Aufmerksamkeitslenkung auf die unmittelbare Erfahrung im Rahmen von Achtsamkeitstrainings eine geeignete Möglichkeit, suchtbedingte Automatismen zu unterbrechen, um dadurch den Betroffenen ein rationaleres, an langfristigen Zielen orientiertes Abstinenzverhalten zu ermöglichen. Sie möchten damit einer Person aus dem Modus des passiv-automatisierten Reagierens (sog. Autopilot) heraus zu einem aktiven, selbstbestimmten Handeln verhelfen als Vorraussetzung für die Anwendung weiterer Rückfallbewältigungsstrategien. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf erste Ergebnisse, wonach der alkoholbezogene Wahrnehmungsbias von Alkoholpatienten im Stroopexperiment mithilfe eines Achtsamkeitstrainings signifikant verringert werden konnte (Moore & Malinowski, 2009).

Einnehmen einer offenen und neugierigen Haltung gegenüber allen Erfahrungen im Hier und Jetzt. Seit Robinson und Berridge (2003) wird ein wesentlicher  Mechanismus einer Suchtentwicklung in der immer stärkeren Sensitivierung des Belohnungszentrums eines Betroffenen auf suchtmittelspezifische Hinweisreize gesehen, v. a. solche, die die angenehme Wirkung des Suchtmittels ankündigen (sog. wanting) unabhängig davon, ob diese überhaupt noch eintritt (sog. liking). Entsprechend spielt für einen Teil von Alkoholabhängigen situativ ausgelöstes Alkoholverlangen eine große Rolle für Rückfwlle, und emotional negative Situationen, v. a. Stress stellen zumindest in subjektiv retrospektiven Erklärungen von Betroffenen die häufigste Rückfallsituation dar, da sie glauben, diese nur mithilfe von erneutem Alkoholkonsum aushalten zu können. In der Achtsamkeitsmeditation sehen Alan Marlatt und seine Mitarbeiterinnen eine spezifische Möglichkeit, stattdessen eine erhöhte Toleranz auch gegenüber unangenehmen Erfahrungen zu entwickeln, sie ohne Bewertung zu beobachten und an sich vorüberziehen zu lassen, anstatt sie bekämpfen oder vermeiden zu wollen. Dieser Gelassenheitshaltung wird von den Autoren angesichts der Tatsache, dass viele Abhängige sich zu Beginn ihrer Abstinenz mit einer wenig belohnenden, sondern belastenden Realität – hierzulande als Mangel an Teilhabe bezeichnet – konfrontiert sehen, besondere Bedeutung fvr den Erhalt langfristiger Suchtmittelabstinenz zugeschrieben. Die bewusste Hinwendung zu aversiven Reizen biete außerdem erst die Voraussetzung für ein allmähliches Nachlassen der unangenehmen Empfindungen im Sinne von Habituation. Die Autoren verweisen hierbei auf eigene Ergebnisse, wonach durch achtsamkeitsbasierte Therapie dysfunktionales Vermeidungsverhalten von Suchtpatienten gegenüber aversiven Reizen, in diesem Fall negative Gedanken, signifikant reduziert werden konnte (Bowen et al., 2007).

nach: Bowen, Chawla & Marlatt 2012

 

Video von Alan Marlat von 2009 auf Youtube

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