Burnout bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

Psychotherapeuten sind die Beziehungsarbeiter schlechthin, ist doch die therapeutische Beziehung als der bedeutsamste Wirkfaktor in der Psychotherapie anerkannt. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit besteht darin, ihre Klienten zu ermutigen, ihren Körper und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was sie denken und fühlen und wie sie sich verhalten. Sie unterstützen ihre Klienten auch darin, genau auf das zu schauen, was sie sonst vermeiden, um blinde Flecken bewusst zu machen. So liegt die Frage nahe, ob Psychotherapeuten all das, wozu sie anderen verhelfen, auch selbst tun, ob sie das Wissen, das sie anderen vermitteln auch für sich selbst nutzen können? In der Ausbildung von Psychotherapeuten sorgen Psychotherapeuten auf zwei Arten für sich: sie gehen in Lehrtherapie und holen sich in Supervisionen Unterstützung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das genügt oder ob nicht noch weitere Formen von Selbstsorge notwendig wären.

Doch was belastet Psychotherapeuten und was gibt ihnen Kraft? Freud schreibt in „Die endliche und die unendliche Analyse“:

„Machen wir einen Moment halt, um den Analytiker unserer aufrichtigen Anteilnahme zu versichern, dass er bei Ausübung seiner Tätigkeit so schwere Anforderungen erfüllen soll. Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der dritte jener ‚unmöglichen‘ Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolges von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und Regieren.“

Ralf Zwiebel hat die Müdigkeitsreaktion von Analytikern zum Anlass genommen, sich mit den Anforderungen an die therapeutische Beziehung auseinander zu setzen. Dies sind

  • ein Pendeln zwischen Einfühlung und distanziertem Beobachten,
  • die ständige Aufmerksamkeit für Hinweise auf unbewusste Anteile in der Kommunikation mit den Klienten,
  • das unvoreingenommene Zuhören, Einfühlen, Da-Sein, Abwarten
  • und das auch durch Theorien inspirierte Erraten, Intervenieren und Konzeptualisieren
  • und zuletzt das Spannungsfeld zwischen dem Ausüben einer professionellen Behandlungstechnik und dem Eingehen einer zutiefst persönlichen und menschlichen Beziehung.

Was belastet Psychotherapeuten? Da ist zunächst die geschäftliche Seite des Berufs mit der finanziellen Unsicherheit und ungeliebten administrativen Tätigkeiten wie Anträge schreiben und dokumentieren. Da ist die zeitliche Belastung durch Arbeit unter Termindruck. Bei vielen Psychotherapeuten läutet jede Stunde ein neuer Patient. Belasten können auch Sorgen um suizidgefährdete Patienten, das Gefühl großer Verantwortung und das ständige Geben und für andere Da-sein (Kramen-Kahn & Hansen 1998).

Von den mehr als 300 Besuchern eines Kongresses über Kurzpsychotherapie berichteten 43% über Gereiztheit und emotionale Erschöpfung, fast ebenso so viele klagten über zu wenig oder kaum erholsamen Schlaf und über Zweifel an ihrer therapeutischen Effektivität. Je 38% machten sich Sorgen über die Zahl und die Schwere der Störungen ihrer Patienten und hatten Probleme in ihren nächsten Beziehungen. 35% litten unter Episoden von Angst und Depression (Mahoney 1997).

Was wiegt diese Belastungen auf? Was nährt Psychotherapeuten, was bringt Befriedigung und Erfüllung? Immerhin hatten fast 80% einer anderen Stichprobe Freude an ihrer Arbeit. Nach deren Ursachen befragt, gaben 93% an, es sei die Möglichkeit, ihre Klienten bei deren Wachstum unterstützen zu können. 76% liebten die Möglichkeit, selbst weiter zu lernen, 73% die Herausforderungen in der Arbeit. Andere schätzten die professionelle Autonomie und Unabhängigkeit und die flexible Stundengestaltung. Zwischen 50 und 60% nannten Selbsterkenntnis und persönliche Weiterentwicklung und das Gefühl emotionaler Nähe. Nicht ganz 40% waren gerne Rollenmodell und Mentor (Kramen-Kahn & Hansen 1998).

  • Freud, S (1982) Die endliche und die unendliche Analyse. In  Freud, S (Hrsg.), Studienausgabe Ergänzungsband. Schriften zur Behandlungstechnik (S. 351–392). Frankfurt/M.: Fischer. S. 388
  • Zwiebel, R (2010) Der Schlaf des Analytikers: Die Müdigkeitsreaktion in der Gegenübertragung (3. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta

Eine speziell in helfenden Berufen auftretende Spezialform von Erschöpfung ist Mitgefühlsmüdigkeit.

 

12 Strategien

  1. Valuing the Person of the Psychotherapist, Self-Monitoring, Self-Care –sich selbst wertschätzen, Selbstaufmerksamkeit, Selbstfürsorge
  2. Refocusing on the Rewards – auch die positiven und belohnenden Seiten des Berufs wahrnehmen
  3. Recognizing the Hazards – Risiken und Gefahren erkennen und anerkennen
  4. Minding the Body – auf den Körper achten und für ihn sorgen
  5. Nurturing Relationships – nährende Beziehungen pflegen
  6. Setting Boundaries – eigenen Grenzen wahrnehmen und klar setzen
  7. Restructuring Cognitions – Distanz zu den eigenen Gedanken
  8. Sustaining Healthy Escapes – nährende und gesunde Erholungsinseln aufsuchen
  9. Creating a Flourishing Environment – ein blühendes Umfeld schaffen
  10. Undergoing Personal Therapy – sich Eigentherapien gönnen
  11. Cultivating Spirituality & Mission – Spiritualität und Mission kultivieren
  12. Fostering Creativity & Growth – Kreativität und persönliche Entwicklung pflegen

Freie Übersetzung eines Handout von Norcross Brief Therapy Conference 2010

 

Weitere Studien

    • Studie zu Arbeitsbelastung und Lebenszufriedenheit von Psychotherapeuten (Jaeggi & Reimer 2008)
    • Self-Care for Therapists: Prevention of Compassion Fatigue and Burnout (Vivian Baruch 2004) [download]
    • Self-Care for Trauma Psychotherapists and Caregivers: individual and organizational intervetions. (Meichenbaum) [download]
    • Einige Überlegungen zu Psychohygiene und Burnout-Prophylaxe von TraumatherapeutInnen. Erfahrungen und Hypothesen (Reddeman 2003, download)
    • Psychotherapist self-care: Practitioner-tested, research-informed strategies. ( Norcross 2000)

 

Weiterführende Literatur

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