Gesellschaftliche Faktoren

„Freudenberger bezeichnete schon 1980 die Gesellschaft als „Nährboden des Ausbrennens“. Arbeitswelt und Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, die Arbeitsanforderungen haben zugenommen, die dafür zur Verfügung gestellten Ressourcen entwickelten sich oft nicht in gleichem Maße mit. In einer Umfrage (DGFP 2011) wurden Personalmanager gebeten, den Einfluss von fünf Megatrends auf ihre Arbeit in den nächsten Jahren einzuschätzen. Sie meinten, der demographische Wandel und der Wertewandel würden sich am stärksten auswirken. Es folgen Digitalisierung und Virtualisierung der Arbeit, die Globalisierung und die Verknappung der Ressourcen und die Energiewende.

Neben diesen fünf Megatrends sollen einige weitere gesellschaftliche Tendenzen herausgegriffen werden, die bei der Entwicklung von Burnout eine Rolle spielen: (1) Die Ausweitung des Dienstleistungssektors, (2) die Zunahme des Wettbewerbs-, Rationalisierungs- und Leistungsdrucks, (3) Flexibilisierung, (4) Individualisierung, (5) Enttraditionalisierung von Rollenschemata und Pluralisierung und (6) Beschleunigung.“ [aus: Burnout und Achtsamkeit]

Einen bemerkenswerten Ansatz stellt der Soziologe und Politikwissenschfter von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Hartmut Rosa vor. Er beschäftigt sich insbesondere mit Beschleunigung, der „Notwendigkeit“ von Wachstum um den Status quo erhalten zu können und mit Entfremdung.

Der Blick aus dieser Perspektive relativiert die Zuschreibungen von Konflikten und Problemen. Das Individuum lebt eingebettet in gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen. Überlastung und Burnout sind nicht einfach Zeichen der Unfähigkeit des Einzelnen, seine Zeit zu „managen“ oder sich nicht selbst unter Druck zu setzen. Massnahmen auf der individuellen Ebene können lediglich zur Verbesserung der Bewältigung (Coping) der durch die derzeitige Kultur geprägten Anforderungen beitragen.

Es gehe darum, einer „Postwachstumsgesellschaft“ Konturen zu geben und sowohl individuell als auch kollektiv neue Vorstellungen davon zu entwicklen, was „gutes Leben“ ist. Das heißt nicht, dass eine Gesellschaft niemals wachsen, beschleunigen oder Innovationen hervorbringen dürfe, sondern nur, dass sie es nicht unaufhörlich muss, nur um ihre Struktur zu erhalten.  Die neue Gesellschaft solle im Sinne des „Projekts der Moderne“ liberal, pluralistisch und demokratisch sein; sie zu realisieren, erfordert komplexe Reformen: a) ökonomisch (Wirtschaftsdemokratie?), b) sozialstaatlich-politisch (Grundeinkommen?), c) kulturell (Maßstab der Resonanz anstelle der Steigerung). Diese Reformen müssen mit demokratischen Mitteln realisiert werden und es bedarf einer Vision (nach Rosa 2013, Jenaer Projekt, Folie aus seinem Vortrag 2013, s.o.).

Kann Achsamkeit dazu beitragen, Visionen zu entwicklen und zu leben? Sie verhilft auf jeden Fall, Einsicht zu gewinnen, wie wir unser Leben von Augenblick zu Augenblick gestalten. Sie eröffnet im Moment des Innehaltens die Möglichkeit, die vorhandenen Freiräume auszuschöpfen (M. Harrer).

 

 

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