Das bio-psycho-soziale Modell

Jeder Betrachtung von Gesundheit und Krankheit liegt ein bestimmtes Menschenbild zugrunde. Teile der modernen Medizin und viele Burnout-Betroffene orientieren sich an einem biomechanischen Menschenbild. Der Körper wird als Maschine gesehen, die wie zum TÜV zur Vorsorgeuntersuchung gebracht wird und bei der bisweilen Ersatzteile ausgetauscht werden, wie z.B. neue Gelenke. Wir verdanken dem Modell viele Fortschritte aber es hat Grenzen.

Das von George L. Engel (* 1913 in New York, + 1999) im Jahr 1977 in Science beschriebene Bio-psycho-soziale-Modell betrachtet den Menschen als leib-seelische Ganzheit, bei der körperliche und psychische Vorgänge untrennbar miteinander und mit den Beziehungen verbunden sind, in die jedes menschliche Wesen von Geburt an eingebettet ist.

Als Nachkomme eines angesehenen Wissenschaftlers glaubte auch Engel nur das, was er selbst beobachten konnte. Ein kleines Mädchen, das seine Forschertätigkeit prägen und ihn bekannt machen sollte, war Monica. Monica war in der Nähe von New York mit einem angeborenen Verschluss der Speiseröhre zur Welt gekommen. Damit sie ernährt werden konnte, bekam sie eine Magenfistel. Ihre neunzehnjährige Mutter war von der Pflege des Kindes völlig überfordert, der Vater war als LKW-Fahrer meist abwesend. Nachdem die kleine Familie umgezogen und die Großmutter nicht mehr für das Kind sorgen konnte, die Mutter erneut schwanger wurde und Monica Windpocken bekam, ging es mit ihr bergab. Sie wurde in einem völlig vernachlässigten, lethargischen Zustand in dem Krankenhaus aufgenommen, in dem George Engel arbeitete. In den kommenden fünf Monaten, in denen sich Monica gut erholte, hatte Engel und sein Kollege Franz Reichsman die Gelegenheit, Monica genau zu beobachten. Durch die Magenfistel war es auch sehr einfach möglich, die Aktivität der Magenschleimhaut in verschiedenen Gefühlszuständen zu beurteilen. Diese Zustände hingen im Wesentlichen davon ab, wer bei ihr war, sie fütterte und mit ihr spielte. Nach kurzer Zeit war Franz Reichsman ihr Favorit. Wenn er das Zimmer betrat, wendete sie sich ihm voller Freude zu und der Magen begann, Magensäure zu produzieren. Wenn eine fremde Person in ihr Zimmer kam, bewegte sie sich nicht und ihre Augen blieben geschlossen. Sie kam in einen Zustand des depressiven Rückzugs, in dem ihr Körper jegliche Spannung verlor und leblos wurde, die Arme an den Schultern herabhingen und der Magen keine Säure mehr produzierte. Allein die Anwesenheit von Franz Reichsman konnte sie wieder in einen anderen Menschen verwandeln und sie in den freudvoll zugewandten Zustand bringen. Diese Beobachtungen führten George Engel die enge Verwobenheit von Beziehungen, Gefühlen und körperlichen Reaktionen drastisch vor Augen und wurden zur Basis der späteren Formulierung des Bio-psycho-sozialen Modells.

Das Bio-psycho-soziale Modell [1] umfasst drei Dimensionen: die biomedizinische, in welcher Krankheiten in ihrer körperlichen Dimension beschrieben werden, indem von außen beobachtbare, objektive pathologische Befunde und Funktionsstörungen erhoben werden. Der Körper wird als Maschine gesehen, der Arzt als Techniker. Die psychologische Dimension beschreibt Krankheit aus der subjektiven und individuellen Innensicht des leidenden Menschen mit seinen Gefühlen, Gedanken und seinem Verhalten, speziell auch mit seinem subjektiven Krankheitsmodell, d.h. der Vorstellung, die er sich selbst von der Entstehung seiner Krankheit und deren Heilung macht. Die öko-soziale Dimension sieht den Menschen in seinen Beziehungen zur Umwelt, sieht Krankheit als das Ergebnis einer mangelnden und krank machenden Passung zwischen Person und Umwelt. Die vierte transpersonal-spirituell-religiöse Dimension betrachtet den Menschen in seinem subjektiven Gefühl des Eingebettet Seins in das große Ganze, in seiner Bezogenheit auf etwas, was größer ist als er, was über ihn und seine Person hinaus weist. Das Bio-psycho-soziale Modell sieht das Individuum auch in seinem biographischen Geworden-sein, auf dem Hintergrund seiner Lern- und Beziehungsgeschichte. Durch einen beidäugigen Blick auf den Menschen werden gleichsam mit dem einen Auge seine Probleme und Konflikte, mit dem anderen seine Fähigkeiten und Ressourcen gesehen. [2]

Engel beschäftigte sich weiter mit den Ursachen und Auswirkungen von Depression und fand im Vorfeld vieler körperlicher Erkrankungen ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit d.h. von nicht mehr können und sich selbst aufgeben und von Hilflosigkeit, d.h. sich von anderen aufgegeben fühlen (giving up – given up complex). Engel postulierte, dass es als Reaktion auf Bedrohungen neben der Aktivierung des schon bekannten  Kampf-Flucht-Systems noch eine zweite Möglichkeit gibt: Ein energieschonendes Rückzugsmuster (conservation-withrawal).



[1] Egger, J. W. (2011). Selbstwirksamkeitserwartung – ein bedeutsames kognitives Konstrukt für gesundheitliches Verhalten. Psychologische Medizin, 22(2), 43–58.

[2] Fürstenau, P. (2001). Psychoanalytisch verstehen, systemisch denken, suggestiv intervenieren. Stuttgart: Klett-Cotta.

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