Die integrale Sicht

Ken Wilber entwirft eine integrale Landkarte. Diese Landkarte hilft, sich zu orientieren, wo sich ein Punkt des Landes befindet und gibt einen Überblick über das gesamte Land. Dies kann dazu verhelfen, nichts Wesentliches zu übersehen.

In einer Computeranalogie schafft er mit seiner integralen Theorie ein „integrales Betriebssystem“, das Raum gibt und ein Gerüst schafft, in das verschiedenste „Software“ für unterschiedliche Anwendungen integriert werden kann.

In diesem Sinne kann das Modell in allen Bereichen des Lebens angewendet werden, z.B. als integrale Medizin, integrale Wirtschaft, sozial engagierte Spiritualität, integrale Ökologie und vor allem als Integrale Lebenspraxis (AQUAL-ILP).

Die Landkarte enthält fünf verschiedene Elemente: 1.) Vier Quadranten, 2.) Ebenen, 3.) Linien, 4.) Zustände und 5.) Typen.

integrale Landkarte

 

1. Vier Quadranten (quadrants)

Die Landkarte wird durch eine senkrechte Linie in eine rechte (Innenwelt) und eine linke Hälfte (Außenwelt) geteilt und durch eine waagrechte Linie in eine obere Hälfte (Individuum) und eine untere (Kollektiv) geteilt. Dadurch entstehen vier Quadranten:

  1. Das Innere des Individuums: ICH (links oben)
  2. Das Äußere des Individuums: ES (rechts oben)
  3. Das Innere des Kollektivs: WIR (links unten)
  4. Das Äußere des Kollektivs: SIE (rechts unten)

 

2. Entwicklungsstufen (stages, levels, waves of development)

Jede Stufe stellt eine bestimmte Ebene der Organisation oder von Komplexität dar. Es gibt verschiedene Stufenmodelle, eines davon unterscheidet drei Stufen:

  1. Präkonventionelle oder egozentrische Stufe (Ich)
  2. Konventionelle oder ethnozentrische Stufe (Wir)
  3. Postkonventionelle oder weltzentrische Stufe (Wir alle)

Jedes Individuum durchlebt diese Stufen. Sie können nicht übersprungen werden, jedoch kann das Hineinwachsen in diese Stufen beschleunigt werden, indem z.B. Zustandsschulungen wie Meditation praktiziert werden.

 

3. Entwicklungslinien (lines)
  • Kognitive Entwicklungslinie
  • Moralische Entwicklungslinie
  • Emotionale Entwicklungslinie
  • Interpersonelle, zwischenmenschliche, soziale Entwicklungslinie
  • Entwicklungslinie der Bedürfnisse (Z.B. Maslows Hierarchie der Bedürfnisse)
  • Entwicklungslinie der eigenen Identität (Wer bin ich? Z.B. Loewingers Ich-Entwicklung)
  • Ästhetische Entwicklungslinie (Selbstausdruck, Schönheit, Kunst)
  • Psychosexuelle Entwicklungslinie (Eros)
  • Spirituelle Entwicklungslinie
  • Entwicklungslinie der Werte (oder dessen, was die Person als das Wichtigste betrachtet, z.B. „Spiral Dynamics“)

 

4. Bewusstseinszustände (states)

Wilber unterscheidet drei natürliche Bewusstseinszustände

  • Wachen
  • Träumen
  • (formloser) Tiefschlaf

andere

  • meditative Zustände
  • veränderte (z.B. durch Drogen) Bewusstseinszustände
  • Gipfelerfahrungen

 

5. Typen

Als Beispiel für eine Einteilung in Typen führt Wilber „männlich“ und „weiblich“ auf.

 

Integrale Lebenspraxis (ILP)

Die Integrale Lebenspraxis ist als Modulsystem aufgebaut. Sie enthält vier Kernmodule, fünf Hilfsmodule und zusätzliche frei wählbare Module. Aus jedem Modul wird eine konkrete Praxis ausgewählt und regelmäßig geübt.

Ziel dieses umfassenden transformativen Trainings ist es, das persönliche Wachstum zu beschleunigen, die Wahrscheinlichkeit einer gesunden Entwicklung zu erhöhen und die Fähigkeit zu einer transformativen Lebensweise zu erhöhen. (Wilber: Integrale Spiritualität 2007).

Die vier Kernmodule

1. Das Modell des Integralen Bezugsrahmen bzw. das kognitive Modul Das Modul ist notwendig aber nicht hinreichend zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der aufeinander aufbauenden Entwicklungsstufen (stages). Das „Integrale Betriebssystem“ schafft Raum für Wahrnehmung und Interpretation aus multiplen Perspektiven.

2. Das spirituelle oder meditative Modul Spirituell meint hier die meditative oder kontemplative Schulung von Zuständen (states). Die ILP arbeitet hier mit dem „Big Mind Process“, gekoppelt mit einem Achtsamkeitstraining genannt „Integrale Erkundung“ (Integral Inquiry).

3. Das Modul der Arbeit mit dem Schatten Die Arbeit mit unterdrückten und abgespaltenen und daher unbewussten Persönlichkeitsanteilen im Sinne von „Schattenanteilen“ erfolgt z.B. mittels „3-2-1-Prozess“.

4. Modul der Arbeit mit den drei Körpern Übungen für den grobstofflichen, subtilen und kausalen Körper (oberer rechter Quadrant).

 

Hilfsmodule sind

 

5. Ethik: Verbindung des Verhaltens mit einer moralischer Achtsamkeit des linken oberen Quadranten.

6. Sexualität: Konzentration auf tantrische Aspekte von Beziehungen, wobei vor allem der obere und der untere linke Quadrant als Brücke zum Erwachen genutzt werden.

7. Arbeit in der Welt: Nutzung der beruflichen Arbeit und des Verhaltens in Institutionen als wesentlicher Teil der ILP.

8. Emotionen: Übungen im linken oberen Quadranten zum Training emotionaler Intelligenz und zur Umwandlung negativer Emotionen.

9. Beziehungen: Konzentration auf die wichtigsten persönlichen Beziehungen nicht nur als Werkzeuge der Transformation, sondern als Ausdruck integraler Achtsamkeit mit Übungen zu Elternschaft und Paarbeziehungen.

Ziel der ILP ist „Erleuchtung“ oder „Verwirklichung“. Darunter versteht Wilber das „eins sein“ mit allen Zuständen und Stufen, – oder diese zu transzendieren und einzubeziehen – und das zu einem gegebenen Zeitpunkt in der Geschichte. Er unterscheidet: Horizontale Entwicklung bzw. Erleuchtung: Durchlaufen der Hauptbewusstseinszustände und Vertikale Entwicklung bzw. Erleuchtung: Durchlaufen der Entwicklungsstufen.

Weiterführende Links

 

Integrale Sicht auf Organisationen

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